Die Einsatzmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz in der Forschung wachsen rasant. Mit Claude Science stellt Anthropic nun eine spezialisierte KI-Workbench vor, die Wissenschaftler bei komplexen Analysen unterstützen und den Forschungsprozess spürbar beschleunigen soll. Wir zeigen Ihnen die wichtigsten Funktionen und ersten Praxisbeispiele.
Claude Science im Detail: Die wichtigsten Funktionen
Wissenschaftliche Forschung erfordert heute den ständigen Wechsel zwischen Dutzenden Datenbanken, spezialisierten Dateiformaten und unterschiedlichen Softwarelösungen. Ob PubMed, Jupyter, R oder Terminalzugriffe auf Hochleistungscluster – Forscher springen ständig zwischen fragmentierten Tools hin und her. Claude Science vereint diese bisher isolierten Anwendungen in einer einzigen Forschungsumgebung.
Die Plattform ermöglicht es, Literaturanalysen und komplexe Multi-Step-Recherchen durchzuführen, detaillierte Artefakte zu erstellen und Grafiken sowie Manuskripte iterativ zu verfeinern. Besonders wichtig ist dabei die Nachvollziehbarkeit. Jedes Ergebnis enthält einen prüfbaren Verlauf, der zeigt, wie es entstanden ist. Das erleichtert die Validierung und Reproduktion auch noch Monate später.
Auditable Artefakte und visuelle Darstellungen
Forschung lebt von visuellen Ergebnissen. Claude Science erzeugt nicht nur Abbildungen und Manuskripte, sondern liefert auch den zugrunde liegenden Code mit. Die Software rendert komplexe wissenschaftliche Darstellungen nativ, darunter dreidimensionale Proteinstrukturen, Genome-Browser-Tracks oder chemische Strukturen.
Nutzer können mit dem Agenten über Details im Text oder in Abbildungen sprechen und direkt Anmerkungen machen. Wenn Claude Science eine Grafik erstellt, speichert es den exakten Code, die verwendete Umgebung sowie eine Beschreibung in verständlicher Sprache. Auch nachträgliche Änderungen sind per einfacher Spracheingabe möglich, etwa das Entfernen von Gitternetzlinien oder die Umstellung einer Achse auf logarithmische Skalierung.
Computing-Ressourcen bedarfsgerecht skalieren
Umfangreiche Analysen wie Protein-Faltung oder genomische Pipeline-Verarbeitungen erfordern enorme Rechenleistung. Bisher mussten Forscher sich mit dem Setup von Jobs, der Wartezeit auf Cluster-Ressourcen und der Ergebnisabfrage beschäftigen. Claude Science übernimmt diese Aufgaben.
Der Agent erstellt einen Plan, fragt vor dem Zugriff auf neue Ressourcen nach und übermittelt Aufträge an bestehende Laboreinfrastrukturen wie HPC-Cluster über SSH oder Modal-Konten für bedarfsgesteuertes Computing. Dabei bleiben große oder sensible Datensätze auf den lokalen Systemen. Nur der für die Analyse jeweils nötige Kontext wird übermittelt. Ein interner Reviewer-Agent prüft währenddessen Ausgaben auf fehlerhafte Zitate, nicht nachvollziehbare Zahlen oder Diskrepanzen zwischen Code und Grafik.
Fachdomänen von Tag eins unterstützt
Wissen in den Lebenswissenschaften verteilt sich auf Hunderte spezialisierter Quellen. Claude Science greift über mehr als 60 kuratierte Skills und Connectoren auf Bereiche wie Genomik, Single-Cell-Analysen, Proteomik, Strukturbiologie und Chemoinformatik zu. Über das BioNeMo Agent Toolkit von NVIDIA lassen sich zudem Modelle wie Evo 2, Boltz-2 und OpenFold3 direkt anbinden.
Bestehende Modelle, Datensätze und Pipelines aus dem eigenen Labor lassen sich als wiederverwendbare Skills speichern. Zukünftige Sitzungen erben diese automatisch, sodass Forscher Claude, ihre proprietären Daten und bewährte Tools in einem einzigen Gespräch vereinen können.
Praxisbeispiele aus der wissenschaftlichen Arbeit
Medikamentenentwicklung bei Manifold Bio
Das Biotech-Unternehmen Manifold Bio entwickelt gewebespezifische Arzneimittel, die gezielt bestimmte Organe oder Zelltypen ansteuern. Das Team nutzte Claude Science, um Zielmoleküle für neue Experimente zu benennen. Die KI bewertete dabei Oberflächenexpression, Transportwege und Sicherheitsaspekte und ordnete Kandidaten anhand interner Datensätze. Manifold Bio betonte, dass Claude Science den gesamten End-to-End-Prozess übernehmen konnte – von der Datensammlung bis zur bewerteten Empfehlung.
Automatisierte Literaturreviews am Allen Institute
Der Neurowissenschaftler Jérôme Lecoq erstellte mit Claude Science ein Multi-Agenten-Template für umfangreiche Literaturreviews. Rund 20 angepasste Skills ermöglichen es Sub-Agenten, Tausende von Papieren zu lesen, zentrale Aussagen und quantitative Ergebnisse zu extrahieren sowie eine Evidenzdatenbank aufzubauen.
Die Agenten konstruieren einen Narrationsbogen, schreiben Abschnitte und delegieren diese an spezialisierte Sub-Agenten. Ein zentrales Element ist das Actor-Critic-Prinzip: Ein Agent erstellt Inhalte, während ein separater Reviewer-Agent Genauigkeit und Zitation prüft. Was zuvor bis zu zwei Jahre dauerte, lässt sich nun in deutlich kürzerer Zeit umsetzen. Lecoq erstellte bereits etwa zehn Reviews mit jeweils mehr als 100 Seiten.
Molekulare Epidemiologie von Gliomen an der UCSF
Stephen Francis, Epidemiologe am UCSF Brain Tumor Center, setzt Claude Science zur Untersuchung von Gliomen ein. Sein Labor analysiert, wie Tausende geringfügige Keimbahnvarianten die individuelle Anfälligkeit für diese primären Hirntumore beeinflussen. Francis berichtet, dass die Analyse durch Claude Science um den Faktor zehn beschleunigt wurde. Umfassende Keimbahn-Workups über mehrere Ansätze sind nun in einem Bruchteil der bisherigen Zeit möglich.
Zusammenfassung und Ausblick
Claude Science stellt einen bedeutenden Schritt dar, um Künstliche Intelligenz tief in den Forschungsalltag zu integrieren. Durch die Kombination aus domänenspezifischen Fähigkeiten, auditablem Workflow und flexiblem Computing-Zugang adressiert die Plattform zentrale Schmerzpunkte moderner Wissenschaft. Ob in der Pharmazeutik, der Neurobiologie oder der Onkologie – erste Anwendungsfälle zeigen, wie sehr KI-gestützte Workbenches den Forschungsprozess beschleunigen können.
Quelle: Anthropic – Claude Science, an AI workbench for scientists, is now available